Freitag, 16. Dezember 2011

Momenaufnahmen aus einem maskulinistischen Kellerloch 7

Lux InteriorCover of Lux InteriorIch lerne einen israelischen Esoteriker kennen und verabrede mich zum Gesprächstermin. Seiner Vita zufolge studierte er transmediale Meditation, interessiert sich für Kabbala, Numerologie, sowie hebräische Mystik. In freien Akademien und Kursen hat er Sound- und Videoediting gelernt und lebt abwechselnd hier und in Kanada. Nun will er einen spirituellen Work-in-progress Film machen, der therapeutisch sein soll. Nacktheit, äußerlich und innerlich inklusive; er zahlt pro Session. Ich bin neugierig. Er will bei mir zuhause filmen, natürlich, so hat er keinen Aufwand, der Spinner, denke ich mir. 

Mein Besucher entpuppt sich als Vollblut-Amateur.
Der Videofilm, den er mir dann zeigt, insbesondere die Darstellung des Schauspielers, ist miserabel. Er entschuldigt sich damit, dass es in seinem Film eben nicht darauf an käme, es ginge um etwas anderes. Nach einer weiteren zähen Stunde, rückt er endlich mit der Sprache heraus, er fragt mich nach Nacktheit und Erotik im Film und ob mir ein Mann oder Frau lieber wäre. Ich sage, egal, und dass ich keine Probleme hätte mit einem Mann – das meine ich ernst als Schauspieler. Dann bringt er eine uralte schwule Männerfantasie an, die von der Antike - ich denke an Ernest Bornemanns Ausführungen im DAS PATRIARCHAT- bis heute, sprich: die Erotik, die zwischen Lehrern und Schülern sowie Kirchenmännern, in Gymnasien und in Universitäten seit der Antike eine Tradition hat. Mit Frauenkörpern habe er ein Problem, sie wären immer zu sexuell. Jetzt bin ich gespannt, wann er die nächste Fantasie preisgeben wird. Also habe ich einen weiteren Termin ausgemacht. Er will Aktaufnahmen mit mir machen, um „auf eine Ebene“ mit mir zu gelangen, wie er sagt. Ausserdem soll ich ihm einen jungen Mann empfehlen, der im Film meinen Schüler spielen könnte. Er sei hier neu und kenne niemanden.


Zwei Wochen später findet die Fotosession  statt. Er sieht ein, das ich nichts Psychologisches von mir zeige, ohne das er ein Spiel eröffnet, und dass die „innere und äußere Nacktheit“ die er von mir will, ihm nicht einfach so zuspringt.
Fairer Deal.
Ich bin eben doch nicht Masochist genug, um mich auf ein so unfaires Spiel einzulassen, in dem er so mir nix Dir nix in mich hineinblicken kann. Da muss er, der eine eindeutige sadistische Ader hat, schon mit mehr locken. Das ist der Deal bei diesem Tauschgeschäft. Aber dann rückt er endlich heraus mit der Idee, die ich unschwer erahnt hatte, einen Film über eine Beziehung zwischen einem Priester und einem Jungen zu machen. Ha! wusste ich’s doch.

Männer- und Jungenkörper sind heute heisser begehrt denn je.
Allerdings kann kaum jemand mit der zeitgenössischen „Boylesque“-Shows etwas anfangen. Das war früher einmal interessanter als heute, als Heteros und Homos wie Freddie Mercury, David Bowie, Iggy Pop, Marc Bolan und auch Mick Jagger als „Boylesque“-Perfomer Frauen parodiert haben. Sie agierten androgyn oder besser gesagt: maskulin-feminin. Auch das schwule Agieren von Kinks -Frontman Ray Davies Anfang der 70er auf der Bühne, war interessant. Und nicht zuletzt Lux Interior von den Cramps, nackt, ganzkörperrasiert, nur mit High-Heels und super engen Lackstrumpfhosen bekleidet, die Punkschuppen rockend.
Heute ist es der amerikanische Bolan-Nachfolger Devendra Banhart, der das Androgyne weiter treibt. In Berlin gibt es das stets halbnackte Sauftier T. Raumschmiere und bis Mitte 2000 war Boy from Brazil Berlins verlässlicher Lux Interior-Imitator; der 20 Jahre jüngere Namosh gesellte sich dazu, aber er strippt nur noch ab und an zu seiner Musik. Im Film war es Pierre Clementi, der für europäische Regisseure wie Buñuel, Garrel, Pasolini oder auch Liliana Cavani den Pin-up-Boy spielte.


Zum Format „Boylesque“ liest man in Frauenforen, dass Bauarbeiter für eine Frau erotischer seien als eben Männer, die wie Frauen tanzen – das noch einmal zum Thema Frauen und Chauvinsmus. In der Fashionwelt wimmelt es geradezu von Ladyboys.

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