Irgendwann, es muss 2010 gewesen sein, entschied ich mich, nicht mehr rein zu bleiben, wie die Jungfrau Maria. Sowieso ein Trug, angesichts meiner Biographie. Eine der Frauen, die mich damals aushielten, im doppeltem Sinne, hatte Anfang des Millenniums über mich gesagt, ich sei ein „Luxus-Mann.“ Bei diversen Barbecue–Partys, Diners, Brunches etc. zu denen wir eingeladen wurden – bzw. sie, als Dame mit bürgerlichem Ansehen, und ich als ihr Lebensabschnittspartner – stand ich oft da, sah mich von außen und versuchte, mein Selbstbild mit ihrem Bild des „Luxus-Mannes“ zusammenzubringen. Und dann flog es von dannen: das Selbstbewusstsein.
Die Charaktere/Figuren, die ich als Schauspieler verstehen und darstellen sollte, befriedigten mich immer weniger. Was musste man schon verkörpern? Emotionale Ausbrüche von Regisseuren, die so und so schnell zum Biedermeier des TV übergingen. Meist nicht einmal Ausbrüche, sondern reine Auswüchse mittelständiger German Angst.
„Luxus-Mann“ – was sollte das heißen? Dann ging alles sehr schnell. Verschwendete Obsessionen/Leidenschaften.
Der Riss war da. Wie sollte ich ihn kitten?
Ich war Mitte 40.
Es wurde Zeit.
Von Theater fange ich hier erst gar nicht an.
Ich beschließe, „mich“ ganz und gar zu verkaufen.
Wie kann ich weniger kauzig, eingefahren, starr und ganz simpel nicht wie ein alternder ewigjugendlicher Trotzkopf um die 40 wirken? Oder wie kann ich mir, der ich, wenn ich Jobs habe, in Billighotels, in Pensionen oder Künstlerwohnungen wohne, auf irgendwelchen Bühnen spiele oder mich bei Werbejobs für’n Appel und ’n Ei verkaufe, noch in den Spiegel ins Gesicht, in mein Gesicht, und nicht in das des Schauspielers, gucken?
Was sind das für Frauen, die sich für einen Nachmittag oder Abend einen Mann kaufen? Bei einem ersten Treffen mit einer Escort Firma, bei der ich in die nähere Auswahl komme, klärt mich die Inhaberin auf, das es noch wenig Frauen seien, der Markt aber größer und größer werde. Zumeist seien es starke Frauen, die einen Mann bestellten.
Die erste Escortfirma sagt ab, und ich verliere Interesse und Mut.
An einem anderen Tag, bewerbe ich mich pro forma bei einer Firma, die viel offensiver im Netz wirbt. Nach drei Wochen, als ich schon gar nicht mehr dran denke, bekomme ich eine Zusage. Ich soll anrufen, das tue ich. Ein Herr, der die Firma leitet, ist am Apparat. Über 200 Bewerbungen müsse er täglich bearbeiten, dennoch sei ich im Spiel; meine Fotos seien ansprechend genug.
Auf Anraten eines vormaligen Agenten habe ich mich im dunkelblauen Boss-Anzug, mit offenem weißen und dunklem Hemd ablichten lassen. Damit treffe ich als Escort-Herr den richtigen Geschmack.. Ich mache den Vorschlag, man möge mich „Robert“ oder „Pierre“ nennen („Roberte“ aus “Pierre“ Klossowskis Roman „Die Gesetze der Gastfreundschaft“).
Meine muskelbepackten, halbnackt fotografierten Kollegen auf der Firmenseite sind laut Angaben Unternehmer, Kaufmänner, Models, Fitnesstrainer und eben: Schauspieler. Der Firmenchef schickt mir eine Mail, er sei mit „Pierre“ einverstanden, der Name würde gut zu mir passen.
Französischer Film?
Wer sind die Kundinnen eines Männer-Escorts?
Frauen aus Mode, Pop und TV, Unternehmerinnen, das geht mir durch den Kopf. Frauen, ohne festen Partner, oder eben solche, die keine Lust mehr auf ihren Typ zu Hause haben, wie der Chef der Agentur sagte.
Mein Profil mit den Fotos ist online. Bei Wikipedia lese ich über Escorts, das es sich dabei oft um Männer handele, die unter Frauenhass litten, sozial und privat geächtet würden. Prompt bekomme ich ein schlechtes Gewissen.
.
„Am Samstag bietet ein junger albanischer Fliesenleger aktive Penetration als Gegenleistung für ein Beck's. Er ist nach Berlin gekommen, um Geld für seine Familie in Albanien zu verdienen. Prostitution findet er okay.“ (Taz 2010 über die Bar mit dem „Darkroom für alle“, FICKEN 3000 in Berlin)
Nach mir sind weitere zwei Schauspieler als Escortherren in der Berlin-Sektion dazu gekommen. Kommen Schauspieler bei Berliner Kundinnen so gut an, oder bewerben sich sowieso nur Schauspieler und Models? Oder lassen sie sich besser verkaufen als die Betriebswirte, Fitnesstrainer und Kaufmänner? Es bleibt spannend.
Heute hab ich der Model- und Schauspieleragentur bei der ich seit vier Wochen bin, eine Kündigungs-Mail gesendet. Die Antwort war eine beleidigte Leberwurst von Agenturmitarbeiter, der noch dazu unverschämt am Telefon wurde.
Ab und an treffe ich auf Frauen , die interessiert sind an Männer-Escorts, wie das wohl so mit denen ist, wollen sie wissen. Ich weiss es nicht.
Für mich lief in dieser Hinsicht leider gar nichts, keine Aufträge. Schon ein paar Monate später lösen die Escort-Agentur und ich den Vertrag auf. Eine Freundin interessiert sich vor allem für diese Männer, weil sie meint, dass ihr Mann mit 50 schlapp mache und will sich vorsorglich informieren. Das ist Postfeminismus. Die Freundin erzählt weiter, eine Bekannte habe mit ihr geschimpft, weil sie in einer festen Beziehung sei und dass sich in ihrem Liebesleben nichts getan habe: es ginge da weder offen, noch polygam zu und noch dazu gäbe es immer noch keinen Nachwuchs – nach Meinung ihrer Freundin, sei das so eben nix Halbes und nix Ganzes.
Die Charaktere/Figuren, die ich als Schauspieler verstehen und darstellen sollte, befriedigten mich immer weniger. Was musste man schon verkörpern? Emotionale Ausbrüche von Regisseuren, die so und so schnell zum Biedermeier des TV übergingen. Meist nicht einmal Ausbrüche, sondern reine Auswüchse mittelständiger German Angst.
„Luxus-Mann“ – was sollte das heißen? Dann ging alles sehr schnell. Verschwendete Obsessionen/Leidenschaften.
Der Riss war da. Wie sollte ich ihn kitten?
Ich war Mitte 40.
Es wurde Zeit.
Von Theater fange ich hier erst gar nicht an.
Ich beschließe, „mich“ ganz und gar zu verkaufen.
Wie kann ich weniger kauzig, eingefahren, starr und ganz simpel nicht wie ein alternder ewigjugendlicher Trotzkopf um die 40 wirken? Oder wie kann ich mir, der ich, wenn ich Jobs habe, in Billighotels, in Pensionen oder Künstlerwohnungen wohne, auf irgendwelchen Bühnen spiele oder mich bei Werbejobs für’n Appel und ’n Ei verkaufe, noch in den Spiegel ins Gesicht, in mein Gesicht, und nicht in das des Schauspielers, gucken?
Was sind das für Frauen, die sich für einen Nachmittag oder Abend einen Mann kaufen? Bei einem ersten Treffen mit einer Escort Firma, bei der ich in die nähere Auswahl komme, klärt mich die Inhaberin auf, das es noch wenig Frauen seien, der Markt aber größer und größer werde. Zumeist seien es starke Frauen, die einen Mann bestellten.
Die erste Escortfirma sagt ab, und ich verliere Interesse und Mut.
An einem anderen Tag, bewerbe ich mich pro forma bei einer Firma, die viel offensiver im Netz wirbt. Nach drei Wochen, als ich schon gar nicht mehr dran denke, bekomme ich eine Zusage. Ich soll anrufen, das tue ich. Ein Herr, der die Firma leitet, ist am Apparat. Über 200 Bewerbungen müsse er täglich bearbeiten, dennoch sei ich im Spiel; meine Fotos seien ansprechend genug.
Auf Anraten eines vormaligen Agenten habe ich mich im dunkelblauen Boss-Anzug, mit offenem weißen und dunklem Hemd ablichten lassen. Damit treffe ich als Escort-Herr den richtigen Geschmack.. Ich mache den Vorschlag, man möge mich „Robert“ oder „Pierre“ nennen („Roberte“ aus “Pierre“ Klossowskis Roman „Die Gesetze der Gastfreundschaft“).
Meine muskelbepackten, halbnackt fotografierten Kollegen auf der Firmenseite sind laut Angaben Unternehmer, Kaufmänner, Models, Fitnesstrainer und eben: Schauspieler. Der Firmenchef schickt mir eine Mail, er sei mit „Pierre“ einverstanden, der Name würde gut zu mir passen.
Französischer Film?
Wer sind die Kundinnen eines Männer-Escorts?
Frauen aus Mode, Pop und TV, Unternehmerinnen, das geht mir durch den Kopf. Frauen, ohne festen Partner, oder eben solche, die keine Lust mehr auf ihren Typ zu Hause haben, wie der Chef der Agentur sagte.
Mein Profil mit den Fotos ist online. Bei Wikipedia lese ich über Escorts, das es sich dabei oft um Männer handele, die unter Frauenhass litten, sozial und privat geächtet würden. Prompt bekomme ich ein schlechtes Gewissen.
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„Am Samstag bietet ein junger albanischer Fliesenleger aktive Penetration als Gegenleistung für ein Beck's. Er ist nach Berlin gekommen, um Geld für seine Familie in Albanien zu verdienen. Prostitution findet er okay.“ (Taz 2010 über die Bar mit dem „Darkroom für alle“, FICKEN 3000 in Berlin)
Nach mir sind weitere zwei Schauspieler als Escortherren in der Berlin-Sektion dazu gekommen. Kommen Schauspieler bei Berliner Kundinnen so gut an, oder bewerben sich sowieso nur Schauspieler und Models? Oder lassen sie sich besser verkaufen als die Betriebswirte, Fitnesstrainer und Kaufmänner? Es bleibt spannend.
Heute hab ich der Model- und Schauspieleragentur bei der ich seit vier Wochen bin, eine Kündigungs-Mail gesendet. Die Antwort war eine beleidigte Leberwurst von Agenturmitarbeiter, der noch dazu unverschämt am Telefon wurde.
Bin ich überhaupt geschaffen für ein Escort-Mann, ein Damen-Begleiter? Ein interessanter Liebhaber sein! Ein Gentleman? Und muss ich dazu vorher zum Therapeuten?
Ab und an treffe ich auf Frauen , die interessiert sind an Männer-Escorts, wie das wohl so mit denen ist, wollen sie wissen. Ich weiss es nicht.
Für mich lief in dieser Hinsicht leider gar nichts, keine Aufträge. Schon ein paar Monate später lösen die Escort-Agentur und ich den Vertrag auf. Eine Freundin interessiert sich vor allem für diese Männer, weil sie meint, dass ihr Mann mit 50 schlapp mache und will sich vorsorglich informieren. Das ist Postfeminismus. Die Freundin erzählt weiter, eine Bekannte habe mit ihr geschimpft, weil sie in einer festen Beziehung sei und dass sich in ihrem Liebesleben nichts getan habe: es ginge da weder offen, noch polygam zu und noch dazu gäbe es immer noch keinen Nachwuchs – nach Meinung ihrer Freundin, sei das so eben nix Halbes und nix Ganzes.

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